Es ist 5 Uhr Früh, mein Wecker klingelt, ich raffe mich mühsam auf und verlasse das Bett. Der erste Griff geht direkt zu meinem Smartphone, das natürlich neben meinem Bett die Nacht verbracht hat. Schon auf dem Weg auf die Toilette wandert mein dazu intensiv konditionierter Finger fast wie von selbst zu einem App-Symbol auf meinem Display. Ich muss dabei nicht mal hinschauen, ich weiß ganz genau, wo sich dieses Symbol befindet. Ich will „nur mal schnell“ Instagram checken, bevor ich meine, für ein ausgeglichenes und gesundes Leben so wichtige, Morgenroutine mit Pilates und Meditation starte.

Ich will natürlich wissen, was ich in den letzten 8 Stunden, seit ich das letzte Mal unmittelbar vor dem Schlafengehen das Handy endlich beiseite gelegt habe, verpasst habe.

Viel ist es zugegebenermaßen nicht, ehrlich gesagt wiederholen sich die Inhalte und Bilder, wie der Tag von Bill Murray in „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Und trotzdem schaue ich wie gebannt auf den tausendsten Matcha Latte (natürlich mit Sojamilch) und den eigentlich schon ziemlich ausgelutschten Motivationsspruch des Tages und freue mich, dass ich in meiner kleinen Blase mit Menschen „vernetzt“ bin, die meine Interessen und Ideen teilen.

Schnell noch ein Blick auf meine Statistik, schließlich muss ich doch wissen, welches meiner Bilder meiner Community, die hoffentlich auch über Nacht gewachsen ist, am Besten gefallen hat. Ob sich wirklich jemand meine Texte durchliest? Keine Ahnung, aber 100 Likes sind doch schon mal was.

Um 5 Uhr 15 lege ich das Handy kurz weg und mache meine Pilates Übungen – da meine Familie schon um 6 Uhr aufstehen wird geht sich das Meditieren heute (mal wieder) nicht aus. Aber egal, immerhin habe ich ja schon ein sehr entspannendes Bild von einer meditierenden Frau am Bilderbuch-Strand auf Instagram gesehen – das muss für heute reichen.

Wie in Trance greife ich im Laufe des Tages so ca. alle 60 Sekunden zum Handy, entweder weil irgendetwas blinkt, oder wenn nichts blinkt, um nachzuschauen, warum nichts blinkt. Ob mich der ständige Griff zum Handy in meiner Arbeit stört? Aber nicht doch, ich bin ja auch der wahrscheinliche einzige Mensch auf dieser Welt, der die hohe Kunst des Multitaskings versteht. Und natürlich ist es auch überhaupt kein Problem für mich, mit meinen Kindern zu sprechen, beim Mittagessen zu sitzen oder fernzusehen und dabei gleichzeitig in sehr regelmäßigen Abständen auf das 5,1 Zoll große Display zu starren.

Manchmal sagt mir mein Mann, dass ich das Handy den ganzen Tag über in der Hand habe, aber was weiß der schon? Ich hab das voll im Griff.

Doch dann irgendwann sagen mir auch meine Kinder, dass ich ihnen nicht richtig zuhöre und sie das Gefühl haben, dass ich gar keine Zeit mit ihnen verbringen will… Dass ich immer nur aufs Handy schaue…

Und da beginne ich meine Blogbeiträge auf meinem ersten kleinen, feinen Blog noch einmal zu lesen. Von Achtsamkeit habe ich da geschrieben und von der Magie der kleinen Dinge (die ich natürlich alle fotografisch festgehalten habe, denn wie hätte ich denn sonst auf Instagram davon erzählen sollen?). Ich habe davon geschrieben, wie wichtig es ist Momente ganz bewusst zu erleben, sich ganz einer Sache oder einem Menschen zu widmen und darüber, dass der Vergleich mit anderen die eigene Kreativität zunichte macht.

„Lebe was du lehrst“ – was für ein unglaublicher Reinfall…

Ende November 2018 drücke ich dann endlich den Pausenknopf und lege meine Accounts bei Facebook und Instagram still. Ich lösche auch die Apps auf meinem Handy (und plötzlich hält der Akku wieder mehr als einen halben Tag). Die ersten Tage sind wirklich schlimm, andauernd drücke ich unbewusst auf die (nicht mehr existierenden) App Symbole und bekomme eine wirklich tiefsitzende Angst, dass ich etwas verpasse (FOMO = Fear of missing out).
Nach den ersten Wochen weicht diese Angst einem neuen Gefühl. Bis dahin ist es anscheinend noch niemandem (null, zero, keinem) aufgefallen, dass ich nicht mehr auf Social Media präsent bin. Keine Mails oder Nachrichten, in denen die Enttäuschung, dass ich nichts mehr zu meiner kleinen Blase beitrage, kundgetan wird. Nicht einmal meiner Familie und meinen Freunden ist es aufgefallen, dass ich plötzlich online nicht mehr existent bin.
Bis dahin war meine größte Befürchtung, dass ich in der Bedeutungslosigkeit verschwinde und niemandem mehr meine Gedanken und Erlebnisse mitteilen kann.
Nach diesen ersten Wochen muss ich mir aber eingestehen, dass alles, was ich als so bedeutungsvoll wahrgenommen habe, nichts als heiße Luft in noch viel mehr heißer Social Media Luft war. Im Endeffekt hatte ich das Gefühl, dass sich niemand wirklich für mich und für meine Geschichten interessiert.

Was für ein sch*** Gefühl.

Ich habe auch tatsächlich einige Monate gebraucht, bis ich meinen Selbstwert von den Likes und Followern auf Social Media entkoppeln konnte. Und ich würde lügen, wenn ich nicht auch heute noch, wenn ich etwas besonders Schönes erlebe oder eine Idee unbedingt loswerden will, den Wunsch habe, das mit der großen, weiten Social Media Welt zu teilen. Aber dieses Gefühl wird von Tag zu Tag schwächer und mittlerweile liegt mein Handy auch schon mal ein paar (wenige) Stunden einfach so (unbenutzt) neben mir auf dem Tisch (falls jemand anruft).

Auch FOMO ist verschwunden und ist einem neuen Gefühl gewichen – JOMO (Joy of missing out). Mittlerweile bin ich richtig froh, dass ich nicht mehr alles mitbekomme. Keine Fake News, keine Katzenvideos und Urlaubsbilder von Leuten, die ich nicht mal richtig kenne. Und auch keine perfekten Insta-Mums, Insta-Vegans, Insta-Weltretter etc. Ich habe es geschafft, dass ich mich mit meinen Freunden auch so vernetze und telefoniere jetzt auch wieder viel öfter mit meinen liebsten Menschen, um zu erfahren, was sich tatsächlich in deren Leben tut.

Und das Beste an diesem „digitalen Minimalismus“?

Ich habe Zeit für Dinge, die mir gut tun!

Viel mehr Zeit – und wünschen wir uns das nicht alle? Zeit um zu lesen, Zeit um zu träumen, Zeit um zu schreiben – einfach Zeit, um zu leben. Leben in der realen, unperfekten Welt.

Vor allem aber bin ich froh, dass ich es immer öfter schaffe mich voll und ganz meinen Kindern zu widmen. Natürlich gibt es Phasen, wo ich in Gedanken ganz woanders bin. Wo ich schon an den nächsten Arbeitstag denke oder der Haushalt meine Aufmerksamkeit vereinnahmt. Aber wie ich auch schon in meinem ersten kleinen, feinen Blog geschrieben habe: „Achtsam zu sein ist einfach, aber ganz und gar nicht leicht. Du kannst dich nicht einfach dazu entschließen achtsam zu sein, du musst jeden Tag aufs Neue üben und noch mehr üben.“

Und dieses Mal versuche ich auch wirklich „zu leben, was ich lehre“.