laute Stille

Ich liebe Harry Potter.
Jeden Tag warte ich darauf, dass endlich der Brief kommt, der mich nach Hogwarts einlädt (bisher vergeblich, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf).

In Harry Potter werden die neuen Schüler von Hogwarts in Häuser eingeteilt. Je nach ihren Fähigkeiten und Vorlieben. Jedes Haus hat besondere Eigenschaften und die Rivalität zwischen den Häusern ist allgegenwärtig.

Vor allem Gryffindor und Slytherin sind auf den ersten Blick der Inbegriff von „gut und böse“, von „schwarz und weiß“, von „entweder – oder“.

Im Laufe der Geschichte wird aber immer deutlicher, dass eben nicht alles schwarz oder weiß ist und dass Menschen (und auch Zauberer) ihr wahres Gesicht durch ihre Entscheidungen zeigen.


It is our choices, Harry, that show what we truly are, far more than our abilities.
(Albus Dumbledore)


Seit einiger Zeit habe ich das Gefühl, dass auch wir Muggel (also Menschen, die leider nicht zaubern können) uns immer mehr in “ Häuser sortieren „.

Wir suchen uns Menschen, die ähnliche Ansichten haben, die ominöse Informationsblase im Internet bestätigt uns ständig in unserer Meinung.

Wir können es kaum ertragen, dass wir einmal bei einem Thema nicht mitreden können, oder vielleicht einfach nicht genügend Informationen haben, um eine qualifizierte Aussage zu treffen.

Meinungen “ anderer Häuser “ werden entweder abfällig abgetan oder es wird diesen vehement widersprochen.

Doch sollten wir hier eines immer bedenken:

Es gehört oft mehr Mut dazu, seine Meinung zu ändern, als ihr treu zu bleiben.

(Friedrich Hebbel)


Ich kann wirklich nicht von mir behaupten alles zu wissen. In manchen Themen kenne ich mich einigermaßen gut aus, bei anderen bin ich unglaublich uninformiert.

An manchen Tagen habe ich auch gar nicht den Anspruch alles zu wissen – aber ansonsten verfalle ich gerne in einen absoluten „Bullshit“ Modus und kann wirklich zu jedem Thema eine (meist nicht sonderlich) qualifizierte Aussage machen.


Idealerweise würde in einem Gespräch, bei dem mein Gegenüber eine andere Meinung, oder offensichtlich mehr Ahnung von diesem Thema hat, meine Reaktionen so oder so ähnlich aussehen:

“ Wirklich? Erzähl‘ mir mehr.“
“ So habe ich das noch gar nicht gesehen, erzähl‘ mir mehr darüber.
“ Ehrlicherweise kenn‘ ich mich in diesem Thema nicht wirklich aus – erzähl‘ mir doch mehr darüber.

Dieses „erzähl‘ mir mehr“ kommt mir aber oft nur sehr, sehr schwer über die Lippen.
Obwohl ich davon überzeugt bin, dass man, wenn man offen an der Meinung oder dem Wissen eines anderen Menschen interessiert ist, nicht nur seinen Horizont erweitert, sondern auch zu einer harmonischeren Gesellschaft beitragen kann.

Und man gibt seinem Gegenüber ein gutes Gefühl (wer wird nicht gern nach seiner Meinung oder Erfahrungen gefragt?).

Nachzufragen heißt auch nicht, dass ich meine Meinung ändern muss und es kann natürlich auch gut sein, dass diese zusätzlichen Informationen mich in meiner gegenteiligen Meinung noch bestätigen, aber ich zeige zumindest aufrichtiges Interesse und sehe nicht automatisch alles „schwarz oder weiß“.


Manchmal ist es auch völlig okay, eine Diskussion mit „Ich glaub‘ wir können uns drauf einigen, dass wir uns in diesem Thema nicht einig werden“ zu beenden (idealerweise, bevor die Emotionen hochkochen).


Aber wie oben schon erwähnt wäre das meine ideale Reaktion…

Funktioniert leider nicht immer…

Sehr oft schaut es bei mir eher so aus:

“ Glaubst du wirklich?“
“ Ja, aber ich hab gelesen…“
“ Ich hab aber gehört, dass…“
“ Was für ein Blödsinn…“
“ Das stimmt ja gar nicht…“
“ Soweit ich weiß…“
“ Ich bin mir sicher, dass…“

Tja, ich würde sagen, ich brauche noch einiges an Übung, um in diesen Situationen die richtige (Wort-) Wahl zu treffen.


 

Auch wenn alle einer Meinung sind, können alle Unrecht haben.

Betrand Russell

 


Erzähl‘ doch auch du mir mehr darüber, wie du mit solchen Situationen umgehst.

Hast du schon erprobte Strategien oder ist es, so wie bei mir, Tagesform abhängig, wie du auf gegenteilige Meinungen reagierst?


 

Bleib achtsam und gesund, deine Viktoria